Rüstungsatlas Thüringen

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Dual-use: Forschung für den Krieg

Im Rüstungsatlas Thüringen werden unter anderem Forschungsprojekte an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen aufgeführt. Zu diesen sind jedoch selten auf den ersten Blick konkrete militärische Bezüge herstellbar [1]. Leider bedeutet dies nicht, dass keine militärisch relevante Forschung an Hochschulen stattfindet. Vielmehr begegnet uns heute vermehrt Forschung im "dual-use"-Gewand. Dies bedeutet zunächst nicht mehr als "zweiseitige Nutzbarkeit". Kritiker_innen argumentieren hier oftmals, alles sei dual-use, wenn es in falsche Hände gerät.

Bei dieser Argumentation wird jedoch die Tragweite der Forschung übersehen, die sich direkt als dual-use darstellt.

Der Einwand, militärische Forschung habe auch immer einen zivilen Nutzen, und ohne militärische Forschung gäbe es heute weder Teflonpfannen noch GPS-Navigationsgeräte, mag sogar richtig sein - manche Volkswirtschaften setz(t)en auf dieses "Spin off" (Nebeneffekte). Dabei handelt es sich aber doch meist nur um plakative Einzelfälle. In der Bundesrepublik Deutschland wurde spätestens seit den 1980er Jahren ein anderer Kurs gefahren. Die Strategie lautet "Add on" (Erweiterung), und ihr Kern ist es, in zivile Forschung zu investieren und diese Ergebnisse mit ein wenig mehr (zusätzlichem und finanziellem) Aufwand militärisch nutzbar zu machen [2].

Heute, da der Begriff "Sicherheit" eine große Rolle in der Politik spielt, ist die Vermischung ziviler und militärischer Nutzung noch stärker ausgeprägt. So setzt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit der Hightech-Strategie "Sicherheit" sowohl auf den militärischen als auch auf einen zivilen Bereich, bei dem z.B. Naturkatastrophen im Zentrum stehen [3]. Auch im aktuellen europäischen Forschungsrahmenprogramm spielt Sicherheit eine relevante Rolle [4]. Neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sind das BMBF und die EU wohl die größten Finanziers von Sicherheitsforschung an Hochschulen. Zusammen mit den Fraunhofer-Instituten, der Max-Planck-Gesellschaft und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) bestimmen sie die Richtung, in die sich die deutsche Forschungslandschaft entwickelt.

An den einzelnen Hochschulen oder Forschungsinstituten findet man dabei zumeist nur kleine Ausschnitte großer Projekte. Diesen Ausschnitten, wie beispielsweise der Forschung an einem Material, ist ihre spätere Verwendung und Verwendbarkeit schwerer anzusehen als dem kompletten Projekt [5].

Die Forschung in gut (zivil) und böse (militärisch) zu unterteilen ist somit wenig zielführend. Klar ist aber, dass militärisch relevante Forschung kein Zufall und dual-use auch keine Frage des Schicksals ist.

Wie können aber konkrete Forschungsprojekte eingeordnet und eine kritische Betrachtung von Forschung angestoßen werden? Wie bereits angedeutet, bietet es sich zunächst an, einen Blick auf das Gesamtprojekt zu werfen, welches in der Regel eine größere Komplexität aufweist und konkrete Nutzungen erahnen oder gar ableiten lässt. Die Antwort auf die Frage, wer ein Projekt finanziert oder welche (auch industriellen) Partner darin involviert sind, kann erste Rückschlüsse auf die spätere Verwendung ermöglichen. Wenn, wie im Beispiel ARTEMIS – ein europäisch geförderter Industrieverband für Projekte im Bereich intelligenter Systeme -, der Projektleiter Heinrich Daembkes zugleich Chef der Airbus-Sparte Defence and Space war, sollten sich weitere Fragen über die Inhalte des Projektes anschließen [6]. Projekte, in die die DLR involviert ist, sind ebenfalls oft kritisch zu hinterfragen. Die DLR ist im Bereich der Sicherheit sehr aktiv, und Raumfahrttechnologien sowie Satellitenüberwachung haben nicht selten einen militärischen Aspekt. Hier zeigt sich, dass auch Grundlagenforschung nicht "wertfrei" und ebensowenig "nicht anwendungsorientiert" ist.

Notwendig ist darum, die als ggf. problematisch identifizierten Projekte in einem breiten öffentlichen Kontext zu thematisieren. Hilfreich hierzu können Zivilklauseln sein, die eine Selbstverpflichtung der Hochschule auf zivile Ziele festschreiben und somit eine Diskussionsgrundlage bieten. In erster Linie geht es in der Debatte um dual-use und Zivilklauseln nicht um Verbote – vielmehr sollen Anregungen gegeben werden, um Forschung kritisch zu begleiten und Verantwortung zu übernehmen.

[1] Eine Ausnahme ist z.B. die Erstellung von Wehrtauglichkeitstests für das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) an der FSU Jena..

[2] Vgl. Liebert/Rilling/Scheffran, Die Ambivalenz von Forschung und Technik und Dual-use Konzeptionen in der Bundesrepublik Deutschland, in dieselben, Die Janusköpfigkeit von Forschung und Technik. Zum Problem der zivil-militärischen Ambivalenz, Marburg 1994, S. 12-30.

[3] Vgl. http://www.hightech-strategie.de/de/88.php.

[4] Vgl. http://www.horizont2020.de/einstieg-sicherheit.htm.

[5] Vgl. Liebert/Rilling/Scheffran.

[6] http://www.research-europe.com/index.php/2013/07/professor-dr-heinrich-daembkes-president-artemis-industry-association/ sowie http://www.artemis.eu/