Rüstungsatlas Thüringen

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Nachwuchswerbung Bundeswehr

Spätestens seit der Aussetzung der Wehrpflicht hat die Bundeswehr ihre Aktivitäten zur Nachwuchsgewinnung verstärkt. In Thüringen sind sowohl die Jugendoffiziere als auch die Karriereberatungsbüros für diese Aufgabe zuständig. Es gibt in Thüringen vier Jugendoffiziere, die an Schulen, bei Messen und anderen Bildungseinrichtungen und -veranstaltungen über die Bundeswehr berichten und für diese werben: einen in Gera und drei in Erfurt. Karriereberatungsbüros, die nach der oft durch die Jugendoffiziere erfolgten Erstansprache die weitere Nachwuchswerbung mit Beratung, Truppenpraktika usw. übernehmen, gibt es in Suhl, Jena und Mühlhausen. In Mühlhausen wurde trotz des Abzugs der Bundeswehr ein Karriereberatungsbüro im April 2013 direkt im Gebäude der Arbeitsagentur neu eröffnet. Ebenfalls neu eröffnet wurde im Dezember 2012 das Karrierecenter der Bundeswehr mit Eignungsfeststellungstest in Erfurt. Von solchen Centern mit Eignungsfeststellungstest gibt es nur sechs weitere in Deutschland. Zusätzlich betreibt die Bundeswehr deutschlandweit weitere sechs Karrierecenter sowie über 100 Karriereberatungsbüros. Die Karrierecenter und die ihnen unterstellten Karrierebüros gehören zu dem im Zuge der Neuausrichtung neu geschaffenen Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr (BAPersBw), bei dem auch der im Zusammenhang mit dem Kundus-Bombardement in die Schlagzeilen geratene Oberst Klein (jetzt Brigadegeneral) [1] für die Abteilung IV Personalführung zuständig ist. Im Karrierecenter in Erfurt laufen alle Fäden der Nachwuchsgewinnung in Mitteldeutschland zusammen.

Eine Kooperationsvereinbarung der Jugendoffiziere der Bundeswehr mit dem Kultusministerium, wie sie beispielsweise in Baden-Württemberg existiert, gibt es in Thüringen nicht. Dennoch sind die Verbindungen eng. So kooperieren die Jugendoffiziere an Hochschulen mit der Bauhaus-Universität in Weimar, der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Gotha. An der Universität Erfurt findet seit über sechs Jahren das durch die Jugendoffiziere veranstaltete Seminar "Aspekte der Internationalen Friedens- und Konfliktforschung" statt, bei der sowohl benotete Scheine als auch ECTS-Punkte erworben werden können. Auch in der Lehrer_innenfortbildung und Referendar_innenausbildung ist die Bundeswehr in Thüringen präsent. So veranstaltet sie gemeinsam mit dem Thüringer Institut der Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) "Bildungsfahrten". Die Jugendoffiziere treten zudem regelmäßig als Referent_innen in der Referendar_innenausbildung in Thüringen auf.

Die Anzahl der durch die Informations- und Werbeveranstaltungen erreichten Schüler_innen kann nur geschätzt werden. Insgesamt haben 2013 bundesweit die 94 Jugendoffiziere 6.020 Einsätze durchgeführt und erreichten damit rund 152.000 Teilnehmer_innen. Umgerechnet auf Thüringen mit seinen vier Jugendoffizieren sind das rund 250 Einsätze mit ca. 6.500 erreichten Teilnehmer_innen. Diese Zahlen aus dem Bericht der Jugendoffiziere sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da schwer abzuschätzen ist, wieviel Nachwuchs z.B. bei der jährlich stattfindenden und von über 70.000 Menschen besuchten Landesmesse Thüringen rekrutiert wird. 2012 traten dort die Jugendoffiziere gemeinsam mit dem Aufklärungsbataillon 13 aus Gotha, das seine Drohnensysteme präsentierte. 2013 war die Marine der Schwerpunkt des Bundeswehrstandes. Die Marine sucht dringend Mannschaftsdienstgrade, und Ende Februar 2013 übernahm die Stadt Erfurt die Patenschaft für die gleichnamige Korvette der Braunschweig-Klasse.

Im Rahmen von Schulbesuchen kam es in Thüringen bereits vor, dass die Jugendoffiziere eine Internet-Liveschaltung aus dem Klassenraum nach Afghanistan herstellten und die Schüler_innen mit dem Einsatz im Kriegsalltag konfrontierten – Krieg als Werbeevent. Zudem unterhalten manche Schulen Kooperationsprojekte mit der Bundeswehr zur Berufswahlvorbereitung, etwa die Regelschulen Magdala/Großschwabhausen, "Am Lindenkreis" in Buttelstedt und "Anna Sophia" in Kranichfeld. Kranichfeld ist auch Patenstadt des Führungsunterstützungsbataillon 383 in Erfurt.

Die jüngste Kooperation in der Thüringer Bildungslandschaft besiegelte die Bundeswehr mit der Stiftung "Bildung für Thüringen", die eng mit Wirtschaftskreisen in Thüringen verknüpft ist. Dabei gehe es um die Erziehung von Jugendlichen in sicherheitspolitischen Fragen – besonders begabte Gymnasiast_innen sollen durch Stipendienprogramme gefördert und letztlich über die Teilnahme an Bundeswehrseminaren zur Sicherheitspolitik und Truppenbesuche für die Bundeswehr rekrutiert werden.

Für Nachwuchswerbung und Imagegewinn nutzt die Bundeswehr in Thüringen auch das Musikkorps in Erfurt und die Sportfördergruppe in Oberhof. Zugleich bestehen in Thüringen auch enge Kontakte zu mehreren Lions-Clubs. Nachwuchs versucht die Bundeswehr auch durch Werbung in Fußballvereinen zu gewinnen. So lässt sie beispielsweise in Thüringen beim FC Carl Zeiss Jena Halbzeitwerbespots und Bandenwerbung in nicht unbeträchtlichem Wert schalten (2013: 30.000 €; 2014: 40.000€, Quelle Bundestagsdrucksache 18/2325, S. 17/19).

[1] http://www.neues-deutschland.de/artikel/817576.kundus-oberst-klein-ist-nun-brigadegeneral.html